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Zyklische Mehrheiten und Ungleichheitseffekte

Zusammenfassung

Ein wichtiges Element der Demokratie ist die Teilhabe aller am Entscheidungsprozess (Dahl 1989). Die Aggregation individueller Präferenzen zu einer kollektiven Entscheidung gestaltet sich jedoch oft schwierig. Insbesondere stellen intransitive kollektive Präferenzordnungen ein Fundamentalproblem der Demokratietheorie dar, da sie zum Auftreten zyklischer Mehrheiten führen können. In einer solchen Situation kommen Gruppen auf der Basis konstanter individueller Präferenzen zu unterschiedlichen Ergebnissen oder Politikergebnisse variieren trotz unveränderter Präferenzen stark im Zeitverlauf. Die Bestimmung eines eindeutigen Abstimmungsergebnisses ist dann nicht möglich. In der Literatur finden sich höchst unterschiedliche Positionen zur theoretischen und empirischen Bedeutung intransitiver kollektiver Präferenzordnungen. Vor allem William Riker (1982) argumentiert, dass zyklische Mehrheiten die Bestimmung eines eindeutigen kollektiven Willens verhinderten. Da die direkte Beobachtung individueller Präferenzen unmöglich sei, bestünde bei keiner Entscheidung Gewissheit darüber, ob die Präferenzen der beteiligten Akteure ein Gleichgewicht begründeten oder zu einer intransitiven kollektiven Präferenzordnung führten. Aufgrund dieser Unsicherheit argumentiert Riker, dass alle demokratischen Entscheidungen bedeutungslos seien. Auf der anderen Seite stehen zwei konkurrierende Positionen. Eine Gruppe um Gerry Mackie (2003) erkennt an, dass Intransitivitäten aus demokratietheoretischer Sicht problematisch seien, bringt jedoch vor, dass sie empirisch keine Rolle spielten.  Anthony McGann (2006) hingegen führt eine dynamische Betrachtung von Entscheidungsprozessen über Zeit ein und kehrt die in der Literatur vertretene theoretische Interpretation der Bedeutung zyklischer Mehrheiten vollkommen um. Er kommt zu dem Schluss, dass Intransitivitäten eine notwendige Bedingung für die dauerhafte Stabilität einer Demokratie seien. Durch ihre Existenz haben Minderheiten immer wieder die Möglichkeit, bestehende Mehrheiten aufzuspalten. Eine dauerhafte Dominanz einer Gruppe oder eine Tyrannei der Mehrheit wird hierdurch unterbunden und alle Akteure haben einen Anreiz, sich langfristig an die demokratischen Spielregeln zu halten, auch wenn sie ihren Willen in aktuellen Entscheidungen nicht durchsetzen können.

Das Projekt leistet einen Beitrag zu dieser Debatte. Hierzu werden kontrollierte Laborexperimente zu Mehrheitsentscheidungen in Komitees durchgeführt. Bislang publizierte experimentelle Studien erfassen das tatsächliche Ausmaß zyklischer Mehrheiten nicht vollständig. Deshalb wird ein modifiziertes Design entwickelt, das diese Probleme berücksichtigt und eine bessere Beurteilung der Bedeutung zyklischer Mehrheiten erlaubt. Die theoretische Innovation des Projekts liegt in der Verknüpfung aktueller Modelle sozialer Präferenzen mit der gerade skizzierten demokratietheoretischen Diskussion. Wenn Individuen soziale Präferenzen aufweisen, geht die Wohlfahrt anderer Akteure in ihre eigene Nutzenfunktion ein. Dies impliziert, dass neben dem materiellen Eigeninteresse weitere Faktoren wie Fairness, Altruismus oder Reziprozität individuelle Entscheidungskalküle beeinflussen. Konkret geht es in diesem Projekt um den Einfluss von Ungleichheit auf das Auftreten zyklischer Mehrheiten. In manchen Entscheidungssituationen mag es vorkommen, dass eine von den Akteuren als fair empfundene Alternative schlichtweg nicht zur Wahl steht. Interagieren Akteure wiederholt miteinander, können zyklische Mehrheiten ein Ausdruck von sozialen Präferenzen sein. Akteure entscheiden sich von Runde zu Runde für andere Alternativen, die jeweils anderen Mitgliedern der Gruppe eine relative hohe Auszahlung garantieren. Somit gleichen sich die Gesamtauszahlungen über Zeit an. In dem Projekt wird also der Vermutung nachgegangen, dass zyklische Mehrheiten entstehen, weil Akteure Gleichheit in wiederholten Interaktionen über Zeit herstellen wollen. Diese These wird intensiv in Laborexperimenten untersucht, die das Ausmaß der Ungleichheit systematisch variieren.

Literatur

Dahl, Robert A. 1989. Democracy and Its Critics. New Haven and London: Yale University Press.

Mackie, Gerry. 2003. Democracy Defended. Cambridge: Cambridge University Press.

McGann, Anthony J. 2006. The Logic of Democracy. Reconciling Equality, Deliberation, and Minority Protection. Ann Arbor: University of Michigan Press.

Riker, William H. 1982. Liberalism against Populism. San Francisco: W. H. Freeman and Company.

Projektbezogene Publikationen

Committee Decisions under Majority Rule Revisited.

Journal of Experimental Political Science 3 (2): 185-196.

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Do Individuals Value Distributional Fairness? How Inequality Affects Majority Decisions

Political Behavior 40 (4): 809-829.

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On the Instability of Majority Decision Making – Testing the Implications of the ‘Chaos Theorems’ in a Laboratory Experiment

Theory and Decision doi:10.1007/s11238-019-09741-4 (online first).

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